Wie ich Brad Pitt entfuhrte Online - Michaela Grunig

Für Anabel

1.

Mittwoch, 9.17 Uhr

Im Grunde genommen war es Lindas Idee. Sie sagt doch immer, ich bräuchte eine Aufgabe. Damit meint sie natürlich mehr so einen Job im herkömmlichen Sinne, sagen wir mal Tierarzthelferin oder vielleicht auch einfach nur was Karitatives, beim Roten Kreuz oder so. Aber im Großen und Ganzen kann man den Mann hier in meinem Bett ja auch als Aufgabe betrachten. Zumindest sehe ich das so.

Dabei ist es ehrlich gesagt höchst fraglich, ob Linda meine Meinung teilen würde. Also werde ich ihr, zumindest fürs Erste, meine neue Aufgabe lieber vorenthalten. Ich kann nämlich relativ schlecht mit konstruktiver Kritik umgehen. Und Lindas Kritik ist zumeist recht konstruktiv, was zum einen damit zu tun hat, dass sie seit dem Kindergarten, also seit genau sechsundzwanzig Jahren, meine beste Freundin ist und mich gern hat; zum anderen damit, dass sie eine erfolgreiche, hoch angesehene Anästhesistin an der Kölner Uniklinik ist. Da ist es ihr natürlich ein Dorn im Auge, dass ich den ganzen Tag »nur so abhänge« – was eigentlich nur teilweise der Wahrheit entspricht, denn schließlich manage ich erfolgreich meinen Ein-Personen-Haushalt und gehe zweimal die Woche zum Psychosen-Meyer, meinem Therapeuten.

Letzteres ist auch der Grund, warum ich mich entschieden habe, mein derzeitiges Leben minutiös aufzuschreiben. Herr Dr. med. psych. (»Keine Vornamen, bitte!«) Meyer rät mir ständig dazu, meine Gedanken »zu Papier« zu bringen und sie dann mit ihm zu sortieren. Das ist seinerseits reiner Selbsterhaltungstrieb, denn nach fast zehn Jahren Therapie droht uns allmählich der Gesprächsstoff auszugehen: Schließlich habe ich, wie übrigens die meisten Menschen, nur eine Mutter und einen Vater, über die ich mich auslassen kann. Das heißt, wenn man jetzt mal von meinen drei Ex-Stiefmüttern und dem derzeitigen verwirrend gut aussehenden Freund meiner Mutter absieht.

Linda schüttelt immer nur mitleidsvoll den Kopf, wenn ich wieder einmal zu Dr. Meyer losziehe, denn so gewaltige Fortschritte mache ich eigentlich nicht, aber ich muss gehen, sonst dreht mir mein Vater den Geldhahn zu. Und das geht natürlich auf keinen Fall.

Ich schaue schnell noch mal bei Tom rein. Er schnarcht leise. Also war’s doch nicht zu viel Chloroform. Er ist zum Anbeißen schön. Ich habe erst kürzlich gelesen, dass man Schönheit gemäß einer amerikanischen Studie sogar wissenschaftlich fundiert berechnen kann. Man unterteilt das Gesicht in neunundzwanzig Punkte und beginnt, die Abstände zwischen ihnen abzumessen und zu vergleichen. Dabei spielen die verschieden Proportionen, zum Beispiel Gesichtslänge zu Gesichtsbreite, eine bedeutende Rolle. Und der sogenannte Goldene Schnitt. Hm, da klingelt etwas in den Tiefen meines mathematischen Halbwissens. Am Ende kommt dann eine Zahl zwischen 0 und 10 raus, je höher, desto schöner. Brad Pitt erreicht dabei fast eine glatte 10! Nein, ich habe Toms Gesicht (noch) nicht vermessen. Die Presse nennt ihn jedoch oft den »Brad Pitt des deutschen Fernsehens«, so sehr gleichen sie sich.

Für mich persönlich sieht Tom allerdings eindeutig besser aus als das Original. Erstens ist er jünger und knackiger, und zweitens läuft der echte Pitt inzwischen ganz gerne mal recht schlampig (bäh, ungewaschene Haare gehen gar nicht!) durch die Landschaft, wahrscheinlich, um sich neben seiner Angelina als Familienvater zu profilieren und nicht als der ewig glattgebügelte Herzensbrecher dazustehen. Tom dagegen sieht ungefähr so aus wie Brad Pitt damals in dem Film »Mr. und Mrs. Smith«. Nur dass sein Lächeln noch cooler ist und sein Gesichtsausdruck … ach, was soll’s … er ist einfach schöner.

Wenn ich Tom so anblicke, geht mir das Herz auf. Sein kurzes dunkelblondes Haar umrahmt irre lässig das schmale Gesicht und hebt sich hervorragend von meiner elfenbeinfarbenen seidenmatten Bettwäsche ab. Sexy sieht er aus. Eigentlich müsste ich ihn jetzt fotografieren. Dann könnte ich schöne Vorher-Nachher-Bilder machen. Keine schlechte Idee.

Wo ist nur die blöde Polaroidkamera, wenn man sie mal braucht? Ich weiß – wer macht heute noch Polaroidbilder? Aber ich hasse einfach diese inflationären Digitaldinger, auf denen man mit einem Knopfdruck gleich wieder alles löschen kann.

Ich wirble durchs Wohnzimmer und ziehe eine Schublade nach der anderen auf. Ordnung ist vielleicht was anderes. Überall quillt mir Zeugs entgegen. Warum räumen Putzfrauen eigentlich nie in den Schubladen auf, immer verstecken sie …

Halt! Die Putzfrau. Oh Gott, der sag ich wohl auch besser ab. Während ich ihre Nummer wähle, entdecke ich die Kamera unter dem Sofa.

»Frau Seibl? Frau Seibl, ich glaub, ich hab Windpocken. Besser, Sie kommen erst mal nicht.« Geschickt angle ich die Kamera mit meinem Fuß hervor. »Was? Die hatten Sie schon?! Vielleicht ist es auch Mumps. Auf jeden Fall ansteckend. Wie lange? Keine Ahnung. Ich ruf Sie an!«

Bums, aufgelegt und erledigt. Also, dann wollen wir mal fotografieren. Auf dem Weg zum Schlafzimmer muss